eHealth auf dem Vormarsch: Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz die Kosten senken

Berlin – von Philipp Kielbassa.

Das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe forcierte und am 01. August 2015 in Kraft getretene Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) regelt nicht nur Zu- und Niederlassung von Ärzten und Psychotherapeuten beziehungsweise schafft durch Strukturfonds gezielt Anreize zur Ansiedlung neuer Praxen in unterversorgten Gebieten. Es formuliert auch den gesetzlichen Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung in Deutschland.

Mit dem gesetzlichen Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung wächst der Markt für e-Health-Lösungen. Foto: Ligamenta Wirbelsäulenzentrum / pixelio.de

Mit dem gesetzlichen Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung wächst der Markt für e-Health-Lösungen. Foto: Ligamenta Wirbelsäulenzentrum / pixelio.de

Seit Jahren steigende Operations- und Behandlungskosten

Gröhe möchte mit der Regelung zum Zweitmeinungsverfahren vor allem an der Kostenschraube drehen! In keinem europäischen Land wird so viel operiert wie in Deutschland. Patienten, die sich eine Zweitmeinung einholen, könnten überflüssigen Operationen entgehen. Mehrere großangelegte Studien wie der AOK Krankenhausreport 2013 oder die OECD-Studie „Mengenentwicklung im Krankenhausbereich“ belegen die Übereifrigkeit der deutschen Chirurgen. Demnach operieren Ärzte in den OECD-Staaten durchschnittlich 155 von 1000 Menschen pro Jahr. In Deutschland sind es mit 240 von 1000 Menschen fast 100 mehr.

Zweitmeinung konsultieren, Behandlungsmethode abwägen

Das VSG zielt darauf ab, dass mehr Patienten sich nach einer ärztlichen Behandlungsempfehlung zunächst eine Zweitmeinung beschaffen. Ärzte sind künftig dazu verpflichtet, den Patienten bei bestimmten Eingriffen ausdrücklich auf diese Möglichkeit hinzuweisen. Die Kosten trägt in der Regel die Krankenkasse. Um eine zeitnahe Zweitmeinung zu ermöglichen, regelt das Gesetz außerdem eine maximale Wartezeit von vier Wochen für einen Termin beim Facharzt. Bisher mussten gesetzlich Krankenversicherte bis zu drei Monate auf einen Termin beim Facharzt warten.

Volle Praxen – und dann auch noch Zweitmeinungen?

Doch, wie passt das zusammen? Volle Praxen und dann auch noch Zweitmeinungen? Hier kommt die wahre Innovation zum Tragen: Die Telemedizin! Expertenmeinungen lassen sich auch online einholen. Internetportale vermitteln zwischen Patient und Fachärzten und helfen auch bei der Suche nach einer geeigneten Klinik. Das ist vor allem für Patienten außerhalb der Ballungszentren von Vorteil, für die es oftmals schwierig sei, „unter Berücksichtigung der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse eine zweite Meinung eventuell sogar mit einem speziellen Behandlungsvorschlag zu bekommen“, erklärt Ekkehard Wolf, Health Management Online AG, die das Portal „Zweitmeinung.de“ betreibt.

Das VSG schafft also einen sinnvollen Kreislauf, der insbesondere Unterversorgung und Initiativen der Telemedizin aneinander koppelt. Beobachtet man die ländlichen Teile unserer schönen Republik, wird schnell klar, dass eine flächendeckende Versorgung auch durch die Unterstützung von Krankenhausärzten nicht gewährleistet werden kann. Die Stärkung der Versorgung muss hierfür tief und weit greifen, alle Akteure involvieren und jedwede Technik berücksichtigen. eHealth und Telemedizin bieten Möglichkeiten das deutsche Gesundheitswesen nachhaltig zu verändern – und dem Zeitgeist unserer Gesellschaft gerecht zu werden.

Ausgezeichnet, engagiert und erfolgreich!

Auch das Berliner eHealth-Startup Medexo bietet einfachen und schnellen Zugang zu medizinischen Experten online um eine fachärztliche Zweitmeinung problemlos einzuholen. Das Ziel ist klar: Operationen die in der Vergangenheit nicht aufgrund einer medizinischen Indikation, sondern aufgrund wirtschaftlicher Fehlanreize der Fallpauschale durchgeführt wurden, sollen nun verhindert werden. 60 Prozent aller geplanten orthopädischen Operationen konnten durch eine unabhängige zweite ärztliche Meinung abgewendet werden. Laut der Techniker Krankenkasse sind sogar 87 Prozent der Operationen im Bereich vermeidbar.

Der Zahn der Zeit – er schmerzt

Im Übrigen findet das die Bundesärztekammer nur im Prinzip gut! Der Gesetzgeber versucht „über eine Belastung der Patient-Arzt-Beziehung ein ökonomisches Problem zu lösen.“, wurde durch Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, mitgeteilt. Denn es gäbe „sehr viele Patienten, Untersuchungen sprechen von 85%, die vertrauen einfach ihrem Arzt, die wollen gar keine Zweitmeinung, die wollen lieber schnelle und kompetente Hilfe.“

Zweitmeinung online, aber wie?

Nichtsdestotrotz: Das Online-Verfahren verläuft in der Regel immer gleich. Es bedeutet keinesfalls das ganze diagnostische Verfahren noch einmal zu wiederholen. Patienten, die Zweitmeinung möchten, sollten sich von ihrem erstbehandelnden Arzt ihre gesamte Patientenakte geben lassen. Dazu gehören Entlassungsbriefe, pathologische Gutachten, Laborübersichten, Befundbriefe zu diagnostischen Untersuchungen (etwa Ultraschall- und endoskopische Untersuchungen) und Befundbriefe zu radiologischen Untersuchungen wie CT, MRT und Röntgen.

Fazit: Neue Besen kehren gut

Eine zweite Meinung macht die Entscheidungen für Patienten sicherer, ermöglicht Kosteneinsparungen für Krankenkassen und ebnet den telemedizinischen Weg in die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Rund sieben Mio. Versicherte haben durch Kostenübernahmeabkommen die Möglichkeit, eine Online-Zweitmeinung kostenfrei einzuholen.

Gerade etablierte und im Volksmund „verkrustete“ Branchen bieten jungen, findigen und fachlich-gebildeten Gründern also die Chance, neue Innovationen zu schaffen. Man kann nur hoffen, dass das geplante eHealth-Gesetz in den nächsten Jahren entsprechende Regelungen vorsieht und Deutschlands gutes Gesundheitswesen auch hier Maßstäben setzen kann.

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