Das schleichende Ende der Garantien in der Privaten Altersvorsorge

Berlin – von Alexander Moll.

Das Jahr nähert sich dem Ende zu und klamm und heimlich wurde eine Reform der Versicherungsbranche auf den Weg gebracht, die erhebliche Auswirkungen auf die Private Altersvorsorge haben wird.

Vor allem betroffen sind so genannte Garantieprodukte, also Produkte, die die eingezahlten Beiträge plus ggf. einer Mindestverzinsung garantieren. Diese Mindestverzinsung steht nun auch auf der Kippe.

Nach einem Entwurf des BMF plant die Bundesregierung den Höchstrechnungszins, also den Zins, der in der Privaten Altersvorsorge maximal versprochen werden darf, zum Ende diesen Jahres abzuschaffen.

Von den neuen Regulierung der Versicherungsbranche durch Solvency II ist vor allem die Private Altersvorsorge betroffen. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Von den neuen Regulierung der Versicherungsbranche durch Solvency II ist vor allem die Private Altersvorsorge betroffen. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Abschaffung des Höchstrechnungszins: Was bedeutet das für Verbraucher?

Was bedeutet diese geplante Regulierung für Verbraucher? Zuerst muss beleuchtet werden, warum Solvency II überhaupt eingeführt wird und wieso es so erhebliche Auswirkungen auf die Private Altersvorsorge haben wird.

Solvency II ist ein Projekt der EU-Kommission zu einer grundlegenden Reform des Versicherungsaufsichtsrechts in Europa, vor allem der Solvabilitätsvorschriften für die Eigenmittelausstattung (mehr als nur Eigenkapital) von Versicherungsunternehmen. Bis zur Umsetzung von Solvency II gelten die bisherigen Regelungen, auch Solvency I genannt.

Am 10. Juli 2007 hat die Europäische Kommission einen Vorschlag für eine Solvency-II-Rahmenrichtlinie dem Europäischen Parlament und Rat vorgelegt. Anfang April 2009 konnten sich die 27 Unterhändler der Mitgliedstaaten und des EU-Parlaments auf neue Aufsichts- und Eigenkapitalregeln Solvency II verständigen. Solvency II wurde am 22. April 2009 vom EU-Parlament und am 10. November 2009 von den EU-Finanzministern verabschiedet.

Die nationale Umsetzung der Richtlinie wird in Deutschland über eine Novelle des Versicherungsaufsichtsgesetzes erfolgen. Ein erster Entwurf hierzu wurde im Februar 2012 von der Bundesregierung in den Gesetzgebungsprozess eingebracht. Dieser verzögerte sich jedoch auf Grund ausstehender Richtlinie. Im September 2014 wurde erneut ein Entwurf eingebracht, der am 5. Februar 2015 vom Bundestag beschlossen wurde. Dem Gesetzentwurf wurde vom Bundesrat am 6. März 2015 zugestimmt. Das neue Versicherungsaufsichtsgesetz tritt am 1. Januar 2016 in Kraft.

3-Säulen-Ansatz bei der Risikobewertung der Versicherer

Dieses betrifft alle Versicherer, also Lebensversicherer, Krankenversicherer, Unfallversicherer, Schadenversicherer, Pensionskassen, Pensionsfonds und so weiter. Mit Solvency II sollen die versicherungstechnischen Risiken besser bewertet werden (Kerngeschäft). Außerdem werden zukünftig auch die Kapitalanlagerisiken und die operationellen Risiken eines Versicherers bei der Risikobewertung berücksichtigt. Dabei wird ein 3-Säulen-Ansatz verfolgt.

  1. Säule 1 behandelt die Höhe des Minimumsolvenzkapitals, die Mindest-kapitalanforderung und die Höhe des zu stellenden Zielsolvenzkapitals (die Solvenzkapitalanforderung im Verhältnis zu den anrechnungsfähigen Eigenmitteln)
  2. Säule 2 betrifft ein neues Risikomanagementsystem und beinhaltet hauptsächlich qualitative Anforderungen (z.B. die Qualifikation der Vorstände von Versicherungsunternehmen, sogenannte „Fit-and-proper“-Kriterien).
  3. Säule 3 regelt Berichterstattungspflichten der Versicherungsunternehmen. Dazu zählen Berichtspflichten an Aufsichtsbehörden (supervisory reporting) und zu veröffentlichende Angaben (public disclosure). Bei den Berichtspflichten soll eine enge Anbindung an andere gesetzliche Berichtspflichten wie in der Rechnungslegung, insbesondere den International Financial Reporting Standards (IFRS), erreicht werden.

Zusätzlich umfasst die Solvency-II-Richtlinie weitgehende Neuerungen zur Beaufsichtigung von Versicherungsgruppen.

Um die Auswirkungen der geplanten Solvenzkapitalanforderungen nach Solvency II auf Angemessenheit, Anwendbarkeit und Durchführbarkeit zu testen, sind seit Ende 2005 die sogenannten QIS (Quantitative Impact Studies) durchgeführt worden. Die Anforderungen an das Risikomanagement der Versicherungsunternehmen und die Berechnungsvorgaben für die versicherungstechnischen Rückstellungen wurden dabei immer weiter konkretisiert. Aufbauend auf den Erfahrungen aus den vorangegangenen QIS und unter Einbeziehung aktueller Ereignisse an den Finanzmärkten wurden die Formeln zur Berechnung des Solvenzkapitals1 immer wieder angepasst.

Ergebnisse der Quantitative Impact Studies

Im März 2011 wurden die QIS5-Ergebnisse von der EU-Versicherungsaufsichtsbehörde EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions) veröffentlicht. Aus den Erkenntnissen der Teilnahme an den QIS sind Maßnahmen für (fast) alle Unternehmensbereiche abzuleiten, unter anderem

  • Aufbau und Erweiterung Solvency II-Know-how,
  • Vorbereitung der IT (Datenqualität und -quantität),
  • Prozessdefinition (wer liefert wann welche Information),
  • Simulation (Erkennen von Spielräumen),
  • Produktmanagement (wie viel Solvency Capital Requirement (SCR) „kostet“ ein Versicherungsproduktportfolio),
  • Asset Management (wie viel SCR „kosten“ die Kapitalanlagen),
  • Definition und Anpassung der Risikostrategie und ihrer Elemente sowie
  • Aufbau Datenbasis für das zukünftige Berichtswesen.

Besserer Schutz der Versicherten

Aufgrund der Vorschriften und der Risikobeurteilung werden sich die Aktienquoten im Deckungsstock / Sicherungsvermögen bei starken Versicherern halten und ausbauen lassen – damit gilt im Umkehrschluss, dass schwache Versicherer die Aktienquote senken werden, Garantien werden im „worst case“ werthaltig und müssen somit bedeckt werden. Dies kann dazu führen, dass es Garantien in der Altervorsorge in der Zukunft tendenziell weniger bis gar nicht mehr geben wird

Für den Kunden, dem Garantien in der Privaten Altersvorsorge wichtig sind, bedeutet dies, noch bis zum Ende des Jahres zu handeln. Niemand kann derzeit abschätzen, wann der schleichende Ausverkauf der Garantien sein Ende hat. Jedoch kann man davon ausgehen, dass es aufgrund der neuen Regulierung innerhalb des nächsten Jahres zu erheblichen Umwälzungen am deutschen Versicherungsmarkt kommt.

Natürlich stellt sich hier die Frage, welche Produktsparten besonders betroffen sein werden. Dies sind bei aktuellem Marktszenario und Gesetzgebung die Produkte der so genannten zweiten Schicht: Riester-Rente und Betriebliche Altersvorsorge. Bei diesen Produkten ist eine Bruttobeitragsgarantie zum Ablauf gesetzlich verpflichtend. Hier ist zu erwarten, dass sich die Zahl der Anbieter in diesem Bereich stark dezimieren wird, da sich viele Anbieter Garantieprodukte aufgrund ihrer Kapitalausstattung nicht mehr leisten werden können.

Für die Basis Rente und die Private Rentenversicherung ist dies im Falle einer 100-Prozent-Garantie zum Ende der Laufzeit auch gültig.

Altkonditionen noch bis Ende 2015

Nun stehen besonders Menschen unter 40 vor einer großen Herausforderung. Sehr wenige Gesellschaften am Markt bieten eine außerordentliche Erhöhung des Beitrages zu Altkonditionen an, aktuell nur etwa vier bis fünf Anbieter. Personen, denen der aktuelle Versicherer dies nicht anbietet, bleibt nur die ggf. vereinbarte Möglichkeit der Beitragserhöhung mit einer jährlich festgelegten Dynamik. Besonders im Falle von großen Gehaltssprüngen oder zu niedrigen Beiträgen (unter 100 Euro monatlich), ist der Abschluss eines Neuvertrages notwendig.

 

Über den Autor

Alexander Moll (Finanzberatung Moll) ist selbständiger Finanz- und Anlageberater seit dem Jahr 2013. Vorher absolvierte er sein Studium zu Master in International Management an der International School of Management in Dortmund.

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