E-Books, Kindle-Flatrate und Readvolution: Sind die Gedanken noch frei?

Heidelberg – Gastbeitrag von Nora Gottbrath.

Die Revolution hat sich ins Gegenteil verkehrt.

E-Book im Bücherregal: Text von Georg Büchners Drama "Dantons Tod" auf dem iPad. Foto: <a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Maximilian_Sch%C3%B6nherr" target="_blank">Maximilian Schönherr</a> - <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:EBook_between_paper_books.jpg" target="_blank">Wikimedia Commons</a> / Lizenz <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>

E-Book im Bücherregal: Text von Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ auf dem iPad. Foto: Maximilian SchönherrWikimedia Commons / Lizenz CC BY-SA 3.0

Dem Manager Magazin zufolge verliert der Umsatz mit E-Books an Schwung: Neben der Kindle-Flatrate von Amazon (a.a.O.) könnte künftig auch die readfy GmbH Anteil an dieser Entwicklung haben.

Was letztere selbstbewusst als Revolution beziehungsweise Wortspiel, als Readvolution bezeichnet, kann man allenfalls eine Degeneration nennen.

Kostenlose E-Books dank für den Leser interessante Werbung lautet die Maxime.

Die Gedanken sind frei

Zum namensgebenden Stichwort sei an während der Revolution von 1848 beliebte Lied erinnert: „Die Gedanken sind frei“. Bei Readvolution paradoxerweise eher nicht. Profiteure sind bei diesem Konzept in erster Linie die Unternehmen – auf Seiten der App-Entwickler sowie bei den Werbung schaltenden Firmen. Wobei sich der merkantile Nutzen der zwischengeschalteten Werbung erst noch beweisen muss. Welche Unternehmen kooperieren, ist bislang nicht bekannt.

Daten-Spionage getarnt als Kundenfreundlichkeit

Der Hund liegt aber an anderer Stelle begraben: Anzuprangern ist die schamlose Kommerzialisierung dessen, was doch eigentlich die größtmögliche geistige Entfaltung implizieren sollte. Die Gedanken sind frei? Mitnichten. Readvolution schaltet entgegenkommenderweise die Werbung, die den Leser bzw. Nutzer der App interessiert. Ausspionieren der Kundenprofile wird hier also als Kundenfreundlichkeit getarnt. Und wieso will man das? Nur um ein paar schlecht gesetzte E-Books für lau zu bekommen?

Diese Einstellung muss überdacht werden, insbesondere da Lesegewohnheiten noch weitaus mehr Aufschluss über persönliche Neigungen, wissenschaftliche Interessen und politische Orientierung geben als es beispielsweise der Musikgeschmack tut. Legt man eine Inventarliste des eigenen Bücherschranks offen, gibt man damit einen wesentlichen Teil der eigenen Persönlichkeit preis. Während Musik gemeinhin vorrangig der Unterhaltung dient, teilen Bücher etwas über Bildungsstand des Lesers zum einen und persönliche Leidenschaft zum anderen mit.

Und was ist der Gegenwert? Ein handwerklich schlecht gesetztes E-Book, das man bislang noch nicht einmal auf dem dafür entworfenen Gerät, sondern lediglich auf einem reflektierenden, grellen Smartphone- oder Tablet-Bildschirm lesen darf.

Makro- und Mikrotypographie: Schusterjungen und Hurenkinder

Auch unabhängig vom Endgerät fällt bei E-Books die oftmals katastrophale Makro- und Mikrotypographie auf – und das selbst bei denen, die preislich nur plus minus einen Euro unter dem gedruckten Exemplar des Werkes liegen. Bei Preisen, bei denen man eigentlich handwerkliche Qualität erwarten können sollte, reihen sich Hurenkinder an Schusterjungen, Abgründe tun sich zwischen den Wörtern einer Zeile auf, und auch Trennungsfehler sind allgegenwärtig.

Gute Typographie muss laut der Schriftgestalterin Beatrice Warde ein Crystal Goblet, ein Kristallkelch, sein, der dem metaphorischen Wein des Textinhalts ein durchsichtiges, aber nichtsdestoweniger unabdingbares Gefäß bietet (vgl. Reuß, Roland: Die perfekte Lesemaschine. Zur Ergonomie des Buches, in: Ästhetik des Buches. Die Buchform und das Buch als Form, hrsg. von Klaus Detjen, Band 4, Göttingen 2014, 69). Die Kristallklarheit entspringt der Unsichtbarkeit hervorragender Typographie. Im Falle von E-Books allerdings ist der Kristallkelch opak geworden. (a.a.O.)

Typographische Gestaltung beeinflusst Sinn und Botschaft

Wer glaubt, dass die typographische Gestaltung eines Textes nur schmückendes Beiwerk sei, irrt: Hierin verschränken sich Form und Inhalt, Funktionalität und Ästhetik, denn bei Typographie handelt es sich um eine ästhetische Ausformung mit praktischem Nutzen. Sie ist keineswegs ein Ding zweckfreier Schönheit. So äußerte sich schon in den Neunzigern Hans-Rudolf Lutz:

„Schreibende, die glauben, mit der Fertigstellung ihres Manuskriptes sei die Botschaft endgültig formuliert, irren sich, denn die typografische Gestaltung wird den Sinn unausweichlich beeinflussen. Sie wird die Aussage verstärken oder abschwächen, im Extremfall sogar ins Gegenteil verkehren. Denn neutrale Typografie gibt es nicht und wird es nie geben.“

Lutz, Hans-Rudolf, Typoundso, Zürich 1996, 87, zitiert nach Eisele, Petra; Naegele, Isabel (Hrsg.), Texte zur Typographie. Positionen zur Schrift, Sulgen, Zürich 2012, 185.

E-Books: Mangelhafte haptische Qualität

Gedruckte Bücher: Haptische Qualität an Stelle von Werbebotschaften. Foto: <a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Nevit" target="_blank">Nevit Dilmen</a> - <a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Book_06403_20040730154204.jpg" target="_blank">Wikimedia Commons</a> / Lizenz <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>

Gedruckte Bücher: Haptische Qualität statt Werbebotschaften. Foto: Nevit DilmenWikimedia Commons / Lizenz CC BY-SA 3.0

Darüber hinaus mangelt es dem E-Book an der simplen haptischen Qualität, welche ein gedrucktes Buch dem Leser bietet.

Auch ein Artikel der Journalistin Verena Lugert in der Novemberausgabe 2014 der NEON reflektiert eben diese Eigenschaft, die das Buch vor dem E-Book auszeichnet.

Unabhängig von der materiellen Symbolkraft eines Buches ist das Leseerlebnis beim E-Book insofern ein anderes, als man die gelesenen und verbleibenden Seiten nicht sehen kann, sondern nur als abstrakte Größe in Form einer prozentualen Anzeige vermittelt bekommt. Die Lektüre verliert damit ihre Dreidimensionalität und verlagert sich auf die Fläche.

Der Vorteil dieses Mediums auf einem E-Book-Reader ist der, dass es sehr praktisch ist, doch leidet die Ästhetik. E-Books haben auf Reisen oder einfach unterwegs ihren unbestreitbaren handlichen Charme. Sie sind oftmals aber bestenfalls für Unterhaltungslektüre geeignet. Die intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit einem anspruchsvolleren Text ist damit nur schwer oder kaum möglich. Auch für wissenschaftliche Arbeiten eignen sich E-Books aufgrund fehlender Seitenzahlen nicht. In Anbetracht der mehr als nur mangelhaften typographischen Gestaltung erscheint es als ein Widerspruch in sich, Walter Benjamins Überlegungen „Über das mimetische Vermögen“ als E-Book zu lesen.

Readvolution: Leser liefern sich Werbebotschaften freiwillig aus

Das Lesen, sei es zur Unterhaltung oder aus wissenschaftlichem Interesse, muss sich dieser Form der Kommerzialisierung, die Readvolution letztlich in Reinform bedeutet, verschließen und Raum zur geistigen Entfaltung bieten. Wie soll das möglich sein, wenn der Lesefluss nicht nur von schlechter Typographie, sondern auch von Werbebannern eingedämmt wird? Wie sehr stören sie? Nun ja, wie sehr stört die Werbepause während eines Spielfilms? Das ist wohl Ansichtssache, aber immerhin hat der Zuschauer die Möglichkeit, ihr auszuweichen, sei es, indem er wegzappt oder schlichtweg von der Couch aufsteht.

Handwerklich schlechte Produkte mit parasitärer Werbung

Dem Readvolution-Nutzer sind diese Möglichkeiten verschlossen; er ist der Werbebotschaft visuell konstant ausgeliefert oder besser: liefert sich dieser selbst aus. Es ist nämlich letztlich eine Frage des Leser- oder Nutzerverhaltens, ob sich eine derartige freiwillige Beschneidung und Infiltrierung mit Marketingstrategien behaupten kann oder ob das kritische Bewusstsein überwiegt, was ich hoffe.

Ein handwerklich schlechtes Produkt, durchsetzt mit parasitärer Werbung in einem Medium, das Symbol für Bildung und persönliche geistige Entwicklung ist, hinzunehmen, nur weil man es jetzt „kostenlos“ bekommt? Das ist es nicht wert!

A propos kostenlos: Bibliotheken bieten Bücher seit jeher gratis an. Vorbeischauen lohnt sich also.

Die Autorin

Nora Elisabeth Gottbrath, Studierendenwerk Heidelberg, Germanistik, Uni HeidelbergNora Gottbrath ist Referentin der Geschäftsführerin des Studierendenwerks Heidelberg.

Die Autorin ist zudem Doktorandin der Germanistik an der Universität Heidelberg. Ihre Dissertation trägt den Titel „Vorarbeiten und Studien zu einer historisch-kritischen Gustav-Meyrink-Ausgabe“.

3 Antworten zu “E-Books, Kindle-Flatrate und Readvolution: Sind die Gedanken noch frei?

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