Anleihen, Fonds und grauer Kapitalmarkt – Renditen in Zeiten der Niedrigzinspolitik?

Berlin – von Wolfgang Kuhlmann.

Symbolbild: Renditen und Zinsen im Fokus. Foto: Andreas Hermsdorf  / pixelio.de

Symbolbild: Renditen und Zinsen im Fokus. Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Dem Markt der Mittelstandsanleihen droht großer Ungemach, glaubt man dem Handelsblatt.

„Mittelstand und seine Anleihen – Die große Pleitewelle rollt heran“ titelte die Wirtschaftszeitung kürzlich und warnt, dass es „Ärger im Mittelstand“ gebe.

Anlass des Warnrufes ist die Zahlungsunfähigkeit der Münchner Golden Gate GmbH, einem mittelständischen Immobilienentwickler. Wenige Tage bevor Golden Gate seinen s.g. Minibond mit 6,5 Prozent Zinsen hätte an die Anleger zurückzahlen müssen, hatte das Emissionshaus Antrag auf Insolvenz gestellt. Jetzt droht der Totalausfall: Rund 32 Millionen Euro inklusive Zinsen hätte das Unternehmen den Anlegern ausschütten müssen.

Niedrige Zinsdeckungsgrade, erhöhte Refinanzierungsrisiken

Eine überraschende Entwicklung? Glaubt man dem Ratingagentur „Scope“, ist der Ausfall der Golden Gate-Bonds nur eine von vielen in den kommenden Jahren. Inbesondere bei Anleihen der Segmente „Erneuerbare Energien“, „Bekleidung“, „Immobilien“ und „Automobil-Zulieferer“ sieht die Ratingagentur aufgrund „niedriger Zinsdeckungsgrade“ erhöhte Refinanzierungsrisiken – rund ein Drittel der Mittelständler seien davon betroffen, so Scope (Link: PDF). Scope geht davon aus, dass weitere Insolvenzen folgen werden, denn: Ein Volumen von mehr als fünf Milliarden Euro an Anleihen werde fällig bis zum Jahr 2018.

Laxe Regulierung befördert schwarze Schafe

Ein Einzelfall? Wohl eher weniger. Spätestens seit 2013 sind verschiedene mittelständische Unternehmen mit ihren Finanzierungs-, bzw. Anlageprodukten in die Pleite gerutscht. Nicht immer sind wirtschaftliche Entwicklungen, Fehlinvestitionen oder die für Mittelständer zum Teil prekäre wirtschaftliche Lage Schuld an den Insolvenzen. Im „grauen Kapitalmarkt“ tummeln sich diverse schwarze Schafe.

Möglich ist das aufgrund der extrem laschen Marktregulierung, insbesondere bei den sogenannten Finanzierungsinstrumenten wie den Nachrangdarlehen, Genussrechten oder Schuldverschreibungen. Einzige Ausnahme: geschlossene Fonds. Diese sind seit 2013 mit dem neuen Kapitalanlagegesetzbuch (KaGB), welches die europäische AIFM-Richtlinie in nationales Recht umsetzt, auch in Deutschland stärker gesetzlich reguliert, ganz im Sinne des Anlegerschutzes. Weil die „grauen Fonds“ aber mit dem Gesetz neuerdings als „Finanzierungsinstrumente“ klassifiziert werden und dadurch nicht als „Kapitalanlage“ gelten, bleiben die gesetzlichen Auflagen für Emittenten geschlossener Fonds weit hinter denen „klassischer“ Anlageprodukte zurück.

Prominente Anlageskandale: S&K, INFINUS und PROKON

Das bedeutet, dass Anleger bei der Auswahl von Anlagemöglichkeiten in Zeiten der Niedrigzinspolitik in Europa genau prüfen sollten, wie die Bonds, Fonds, Anleihen oder sonstige Finanzierungsinstrumente aufgelegt und ausgestattet sind, inklusive einer kritischen Betrachtung der Emittentin. So rät etwa das Handelsblatt dazu, insbesondere die Geschäftsentwicklung, die Mittelverwendung, die Rückzahlungsmodalitäten und Sonderkündigungsrechte unter die Lupe zu nehmen.

Für eine kritische Prüfung des Emissionshauses unter Aspekten des bisherigen wirtschaftlichen Erfolges ist aber zudem unabdingbar, Jahresabschlüsse lesen und interpretieren zu können.

Und auch das schützt nicht vor dem Risiko eines Totalausfalls. Prominente Beispiele: Die S&K-Unternehmensgruppe, das Dresdener Emissionshaus INFINUS und der Erneuerbare-Energien-Finanzierer PROKON. Die S&K, Immobilienentwickler aus Frankfurt am Main, war Anfang 2013 im Rahmen einer bundesweiten Razzia mit über 1.o00 Polizeibeamten das Handwerk gelegt worden. Die S&K-Chefs Stephan Schäfer und Jonas Köller zeichneten sich insbesondere durch fehlende Ausbildung und Erfahrung im grauen Kapitalmarkt sowie bei der Immobilienentwicklung aus, hinzu kamen ausschweifende Firmenexzesse, Prunk und Prass.

Waffen und Goldbarren für die INFINUS-Vorstände
Screenshot: Hinweisseite unter www.infinus.de: Insolvenzverfahren eröffnet.

Screenshot: Hinweisseite mit Gläubigerinformationen unter www.infinus.de (Klick zum Vergrößern).

Beim Finanzskandal um die Dresdener INFINUS-Gruppe sieht die Lage ganz ähnlich aus: Waffen, Goldbarren, teure Armbanduhren, Luxuslimousinen (Bentley, Porsche etc.) und Kunstwerke aus dem Privatvermögen der INFINUS-Manager hatten die Ermittler bei den Razzien im Februar beschlagnahmt.

Laut Berichten des mdr drohe einer größten Anlageskandale überhaupt: Etwa 25.000 Anleger seien betroffen, die Forderungssumme der Gläubiger beläuft sich inzwischen auf eine Milliarde Euro.

Die Anleger, die das Geschäft der INFINUS mit ihren investierten Geldern überhaupt erst möglich gemacht haben, drohen nun die Dummen zu sein. Denn trotz Beschlagnahmungen und Zwangsverkäufen ist derzeit noch völlig unklar, ob die Insolvenzmasse der Firmengruppe reicht, um allein die vorrangingen Forderungen zu befriedigen – erst dann kommen die Anleger.

PROKON insolvent, aber wieder „solide“
PROKON-Gründer und Ex-Geschäftsführer Carsten Rodbertus in 2011. Foto: Felix König  - Wikipedia.de / Lizenz CC BY-SA 3.0 DE

PROKON-Gründer und Ex-Geschäftsführer Carsten Rodbertus in 2011. Foto: Felix KönigWikipedia.de / Lizenz CC BY-SA 3.0 DE

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist PROKON. PROKON ist im Bereich der Erneuerbaren Energien aktiv und hatte jahrelang Anlegergelder eingesammelt, um vor allem Windkraftparks und -räder zu bauen.

Das Unternehmen um Gründer Carsten Rodbertus hatte stets damit geworben, wie sicher das „grüne Investment“ sei und bot es den Anlegern erst in Form geschlossener Fonds, dann als Genussrechte an – hohe Renditen inklusive.

Und genau diese Form der Unternehmensfinanzierung wurde PROKON zum Verhängnis: Als der Öko-Finanzierer in die Schlagzeilen gerieht und zu wanken drohte, zogen aus Angst vor einem Totalverlust zu viele Anleger auf einmal ihr Geld aus der Firmengruppe wieder ab. Das war dank der Verträge möglich und führte dazu, dass das Unternehmen keine ausreichende Liquidität mehr hatte. Es folgte der Insolvenzantrag.

Logo von PROKON. Quelle: Wikipedia.de

Eine Welle der Berichterstattung brach los und insbesondere die wenig auf komplizierte Finanzanlagen spezialisierten Tageszeitungen überschlugen sich mit Fehlinterpretationen und -meldungen. PROKON sei pleite, auf jeden Fall aber insolvent, das Geld der Anleger sei futsch und man werde davon auch kaum etwas wiedersehen, so die über alle Medien hinweg publizierte Meinung. Als eine der wenigen Medien berichtete die ZEIT sachlich fundiert und mit Sachverstand.

Es sei erst einmal der Bericht des Insolvenzverwalters, Dietmar Penzlin, abzuwarten, so die Zeitung sinngemäß. Denn das Kerngeschäft von PROKON, der Bau und Betrieb von Windkraftwerken, sei durchaus rentabel möglich. Eine Einschätzung, die genau so dann auch eintraf: Penzlin hielt in seinem Zwischenbericht vor rund zwei Monaten fest, dass Prokon „stabil“ sei, zumindest im Kerngeschäft. Wenn alles nach Plan liefe, so der Insolvenzverwalter, soll PROKON Mitte 2015 aus der Insolvenz entlassen werden. Vollständig saniert und gesundet. Geld verdienen soll das Unternehmen aus Itzehoe mit seinen Bestandswindparks, mit der Windparkentwicklung sowie mit der Stromversorgung von Endkunden.

Wirtschaftlichkeit und Anlegerzinsen nicht unmöglich
Euro-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main. Foto: (c) Lupo / pixelio.de

Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main: Verantwortlich für die niedrigen Zinsen. Foto: (c) Lupo / pixelio.de

PROKON ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Unternehmensfinanzierung mit Anlegergeldern und Wirtschaftlichkeit nicht per se ausschließen. Das Kerngeschäft des Unternehmens lief stabil und dank gesetzlich garantierter Einspeisevergütungen kann das Modell tatsächlich auch zukünftig wirtschaftlich tragen.

Managementfehler, Diversifikationen und die Expansion in neue Geschäftsbereiche sowie die spezielle Konstruktion des Finanzierungsinstruments wurden dem Itzehoer Unternehmen zum vorläufigen Verhängnis.

Für Anleger, Privatinvestoren und an Kapitalanlagen interessierte Personen bedeutet das vor allem, dass sich bei derartigen Finanzierungsprodukten und Anlageformen kein allgemein gültiges Gesamturteil bilden lässt. Jede Firma, jedes Unternehmen, das auf dem Markt Investitionsmöglichkeiten anbietet, muss einzelnd analysiert und bewertet werden. Auch die Art der Anlageform, die damit verbundenen rechtlichen Aspekte sowie das Marktsegment, in dem ein solches Unternehmen tätig ist, spielen bei dieser Bewertung eine Rolle.

Sicherheit schützt nicht vor Inflation

Je höher also die versprochenen Zinsen, die zugesagte Rendite für die Anleger sein sollen, desto risikobehafteter ist das jeweilige Produkt. Anleger sollten – fast ein Standard-Rat bei Investments – ihr Vermögen streuen, sich genauesten infomieren und zudem Bilanzen und Bewertungen analysieren (können).

Zudem gilt: Eine an totale Sicherheit grenzende Kapitalanlage bieten in der Regel nur die altbekannten Bankprodukte, wie etwa Tages- und Festgeldkonten oder Sparbücher. Die gesetzlich gesicherten Einlagen garantieren den Schutz vor einem Verlust oder Totalausfall. Sie sichern die angelegten Gelder aber nicht vor der Inflation ab. Die ist derzeit höher als die Zinsen der Bankprodukte. So wird das angelegte Geld auch ziemlich sicher weniger.

2 Antworten zu “Anleihen, Fonds und grauer Kapitalmarkt – Renditen in Zeiten der Niedrigzinspolitik?

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